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Die jüdische Präsenz in Gradisca ist seit 1585 dokumentiert, als die Familie Morpurgo (ursprünglich aus Maribor oder Marburg kommend) nach der Vertreibung der Juden aus Wien hierherzog. 1624 erhielten Moises und Iacob Marburger für ihre den Habsburgern im Kriege erwiesenen Dienste den Titel Hofjuden (die nur dem Kaiser unterstanden), womit Rechte und Freiheiten wie religiöse Toleranz, Handlungs-, Wohn- und Gewerbefreiheit verbunden waren.

Im Jahre 1753 wurde die jüdische Gemeinde von Gradisca einschließlich der umliegenden Städte wie Monfalcone, Cormons und Terzo rechtlich anerkannt. Mehr als ein Jahrhundert lang war die Gemeinde von Gradisca eigenständig und wuchs, obwohl klein, kontinuierlich an, bis sie 1857 135 Mitglieder umfasste.

Bis ins 19. Jahrhundert war die Mehrheit der Gemeinde überwiegend aschkenasisch, denn die Juden stammten vor allem aus Österreich, Slowenien und anderen Gebieten Mitteleuropas. Infolge von Eheschließungen und Einwanderungen kamen später auch sephardische und italienische Juden aus dem venezianischen Raum hinzu.

Die Juden von Gradisca spezialisierten sich auf verschiedene Berufsfelder wie Pfandleihe, Handel sowie auf die Verarbeitung von Wolle, Seide, Leinen und Leder und nach der Emanzipation wurden auch nach und nach freie Berufe ausgeübt.

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Gemeinde wiederholt angehalten, sich in einem von den Christen getrennten und abgegrenzten Gebiet niederzulassen. Dank des Privilegs der Morpurgo und ihrer friedlichen Integration in die Gesellschaft von Gradisca konnten sie dies zwar immer wieder hinauszögern, doch im Jahr 1769 wurde schließlich im Bereich der heutigen Via Petrarca das Ghetto eingerichtet. Die auf die Straße gehenden Fenster wurden vergittert, es gab zwei Zugangstore sowie eine Synagoge. Diese wurde im Ersten Weltkrieg durch ein Feuer schwer beschädigt und heute ist von ihr nur noch ein kleiner Bogen erhalten, der im Stadtmuseum aufbewahrt wird. Damals zählte die Gemeinde etwa 63 Mitglieder.

Die Juden von Gradisca waren zur Zahlung von Steuern und Abgaben verpflichtet: So mussten sie beispielsweise sogenannte „Kriegszuschüsse“, Abgaben für die Errichtung des Ghettos und der darin befindlichen Häuser, für Hochzeiten und für die Gewährung von Toleranz leisten. Von diesen Verpflichtungen ausgenommen waren nur diejenigen, die den Titel Hofjuden besaßen.

Infolge der von der Republik Venedig im Jahr 1777 verordneten Ricondotta („Rückführung“, d.h. zwangsweise Absiedelung aus Orten, in denen es kein Ghetto gab) entschlossen sich viele Juden aus dem westlichen Friaul, in die Grafschaft Gradisca zu ziehen, was innerhalb kurzer Zeit zu einer Überbevölkerung des Ghettos führte. Mit dem Toleranzedikt von 1781-1785 wurde das Ghetto schließlich aufgehoben, und 1782 wurde die Hauptstraße des Ghettos in „Via del Tempio Israelitico“ umbenannt.

1893, als die Gemeinde von Gradisca weniger als 30 Mitglieder zählte, wurde sie mit der Gemeinde Görz zusammengelegt. Bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert hatte sie keinen eigenen Rabbiner mehr gehabt und war stets auf jenen von Görz angewiesen gewesen.

QUELLENANGABEN:

Miriam Davide e Pietro Ioly Zorattini (Hrsg.), Gli ebrei nella storia del Friuli-Venezia Giulia. Una vicenda di lunga durata, Giuntina, Firenze 2016

Maddalena Del Bianco Cotrozzi, Gli ebrei di Gradisca ed i loro privilegi, in Ioly Zorattini Pier Cesare (Hrsg.), Gli ebrei a Gorizia e a Trieste tra „ancien régime“ ed emancipazione, Del Bianco, Udine 1984, S. 155-163

Maddalena Del Bianco Cotrozzi, Il trasferimento dei rotoli della Torah alla nuova sinagoga di Gradisca nel 1769, in „Memorie Storiche Forogiuliesi“, 61 (1981), S. 99-113

Maddalena Del Bianco Cotrozzi, La Comunità ebraica di Gradisca d’Isonzo, Del Bianco, Udine 1983 

Maddalena Del Bianco Cotrozzi, Le famiglie ebraiche delle Contee di Gorizia e Gradisca in età moderna e contemporanea, in Miriam Davide e Pietro Ioly Zorattini (Hrsg.), Gli ebrei nella storia del Friuli- Venezia Giulia. Una vicenda di lunga durata, Giuntina, Firenze 2016, S. 255-272

Edgardo Morpurgo, La famiglia Morpurgo di Gradisca sull’Isonzo, Società Cooperativa Tipografica, Padova 1909

Nikolaus Vielmetti, Elia Morpurgo di Gradisca, protagonista dell’Illuminismo ebraico, in Pier Cesare Ioly Zorattini (Hrsg.), Gli ebrei a Gorizia e a Trieste tra „ancien régime“ ed emancipazione, Del Bianco, Udine 1984, S. 41-46