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Der Linguist und Sprachwissenschaftler Graziadio Isaia Ascoli (Elchanan Jesaia) wurde 1829 in Görz als Sohn von Leone Flaminio, Mitglied des lokalen Bürgertums, geboren. Nach dem Tod seines Vaters brach er seine ursprüngliche Ausbildung ab, um sich den Familienunternehmen widmen zu können. Er setzte seine Studien jedoch als Autodidakt fort, wobei ihm die Rabbiner Samuele Vita Lolli und Isacco Samuele Reggio zur Seite standen. Diese seine Lehrmeister und auch das mehrsprachige Umfeld, in dem er aufgewachsen war, prägten seine Studien, die sich auf die Sprachwissenschaft und insbesondere auf semitische Sprachen und Dialekte konzentrierten. Im Alter von siebzehn Jahren veröffentlichte er den Aufsatz Sull’idioma friulano e sulla sua affinità colla lingua valaca (Über das friulanische  Idiom und seine Nähe zur wallachischen Sprache).

Bereits in seinem ersten politischen Werk, Gorizia italiana, tollerante, concorde. Verità e speranze nell’Austria del 1848  (Görz, italienisch, tolerant, einig. Wahrheit und Hoffnungen im Österreich des Jahres 1848) kommen seine Ideale von Freiheit und Gleichberechtigung der Religionen zum Ausdruck, die er damals bei den Savoyern und später im Königreich Italien verwirklicht sah. Seine irredentistischen Gefühle verstärkten sich in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, obwohl er einen Krieg gegen Österreich niemals befürwortete. Sein Grundanliegen war es, Respekt und Freiheit für die sprachlichen und kulturellen Unterschiede in der Venezia Giulia zu zeigen. Er war es auch, der diesen Begriff Venezia Giulia/Julisch Venetien prägte, um die Region des Österreichischen Küstenlandes (mit den Grafschaften Görz und Gradisca, Triest und dem Markgrafentum Istrien) zu bezeichnen.

In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts war er einer der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Görz. Er heiratete Fanny Beatrice Cohen, eine Glaubensgenossin aus Triest, mit der er vier Kinder hatte. Seiner Heimatgemeinde blieb er stets eng verbunden, die ihm noch zu Lebzeiten die Ehre zuteilwerden ließ, eine Straße des alten Ghettos nach ihm zu benennen. 

Bei seinem ersten Aufenthalt in Mailand 1852 traf er mit bedeutenden Linguisten und Orientalisten zusammen, die seine als Autodidakt erworbenen Kenntnisse in hohem Maße wertschätzten. 1861 übernahm er den Lehrstuhl für die neu geschaffene „Wissenschaftlich-Vergleichende Linguistik“ (auch „Vergleichende Philologie“/“Komparatistik“) und Sanskrit an der Accademia Scientifico-Letteraria in Mailand. Um sein Fachgebiet markanter zu definieren, prägte er den Begriff „Glottologie“, der dann sehr viel später, im Jahr 1935, auch vom italienischen Bildungsministerium übernommen wurde.

Er konnte sich vollumfänglich in die jüdische Gemeinde in Mailand integrieren, die nach ihrer Gründung im Jahr 1866 rasch angewachsen war (die Juden waren 1597 aus Mailand vertrieben worden). Er arbeitete aktiv bei den damaligen jüdischen Zeitschriften mit, darunter beim Corriere Israelitico aus Triest und beim Vessillo Israelitico aus Casale Monferrato.

In seinen Beiträgen behandelte er unterschiedlichste Themen wie die jüdische Emanzipation, die Besorgnis vor dem Verlust der eigenen Religion, den christlichen Antijudaismus und die Ritualmordvorwürfe sowie den Antisemitismus. Letzterer erschien ihm besonders unverständlich, da er sich gerade in jenen Ländern manifestierte, die den Juden die Religionsfreiheit gewährt hatten.

1889 wurde er zum Senator des Königreichs Italien ernannt. Seine tiefe Bewunderung für Italien lösten bei ihm, insbesondere in den letzten Jahren seines Lebens, antizionistische Gefühle aus. Er starb 1907 in Mailand, wo er auch beigesetzt wurde. 1919 wurde in Görz die Società Filologica Friulana gegründet, die nach Graziadio Isaia Ascoli benannt wurde.

QUELLEN:

Maria Elisabetta Loricchio, Graziadio Isaia Ascoli. Biografia di un intellettuale, Edizioni della Laguna, Mariano del Friuli 1999

Carla Marcato e Federico Vicario (Hrsg.), Il pensiero di Graziadio Isaia Ascoli a cent’anni dalla scomparsa, Convegno internazionale Gorizia-Udine, 3-5 maggio 2007, Società filologica friulana, Udine 2010

Fulvio Salimbeni, Graziadio Isaia Ascoli, un protagonista della civiltà del Risorgimento, in Miriam Davide e Pietro Ioly Zorattini (Hrsg.), Gli ebrei nella storia del Friuli Venezia Giulia. Una vicenda di lunga durata, Giuntina, Firenze 2016, S. 285-291